"Eines Tages, über den ich in Gegenwartsform nicht schreiben kann, werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein. Ich werde vermieden haben zu denken: 'explodiert' ..."
(Christa Wolf: Störfall)
ahg - 20. Apr, 20:47
du weißt: während ich wartete, fiel mir der tag ins haus,
rollte mir ins zimmer als einsperrtag - das waren fürwahr (dies nur
wegen der wahrheit, du weißt, sonst wäre ja al=les voll=kommen egal)
das waren fürwahr männer in anzügen, ein mann in cord und die farbe lichtblau hing am himmel.
draußen war es so, soll es so gewesen sein: blauer flimmer am horizont
(dies wegen der lüge), die vorhänge dicht zu=gezogen halt' ich an mich
- atemstillstand soll's gewesen sein (dies wegen der phantasie),
während die flugzeuge und der trampel im vierten stock mich lichtblau stanzten,
lag ich da wie aufgebahrt (nach einem atemstillstand zum beispiel oder kopfweh)
und übte den atemstillstand, beiläufig im warten, während der tag ins haus fiel,
doch ich sah' ihn nicht (dies wegen der vorhänge), soviel zur wahrheit
- soviel zur lüge, du weißt: ich warte und halte die luft an,
's bläuliche flimmern im kopf ist bunt, soviel zur wahrheit, so wenig zur lüge,
sagen die männer in anzügen, sagt der mann in cord. die frau im vierten stock schweigt,
ich warte, du weißt.
ahg - 14. Apr, 18:56
kannst du einen hut schneidern? einen mit sonnenlöchern drin für die langen tage,
die bis in die nacht reichen, und für die langen nächte bis in den tag?
unter deinem spiegelglas ist ein finger gebrochen, treibt er umher, treibst du? - obskur, sagt er,
sag’ ich: fisch ihn raus, näh ihn an, richt ihn ein, hol die angel, scheißkerl du.
nein, gibt es nicht, so sitzend im kahn, dem romantischen, brauchst du ihn nicht, sagt er,
denn der mond brennt eh keine löcher in den kopf. nur ins gemüt, sag’ ich. er lacht. du lachst.
näh’ mir einen kopffetzen für die langen wassernächte, sag’ ich zu ihm und du:
hier ist ein knöchelchen, ich hab's geborgen letzte nacht, als mir so romantisch war
innendrin.
fast zum sterben war mir vor lauter mond. aber leider hab' ich dir alle finger gebrochen
und dem wasser unter die haut geschoben. für später, wenn du weg sein wirst und er wird.
du spinnst, sagst du. ich spinne, sag’ ich. ich weiß, sag’ ich.
mit dem knöchelchen näh' ich mir ein segeltuch gegen den mond. du fädelst mich ein.
in der letzten nacht hat's mir das herz versengt, sag’ ich, jetzt schlägt es.
er fährt mir unter die haut. klar doch: deine finger, immer deine finger.
wenn der wind in mein mondsegel weht, wehe ich mit. das sag’ ich zu dir: gib acht!
unpassend, sagst du, weil dich das knacken stört. aber ich bin's nicht, bin's nie gewesen.
ahg - 3. Apr, 09:24
zum hals umdreh'n vor lilalauter liebeschön, zum fressen oder zum speib'n
dann soi's halt so bleib'n: wenn's hell is' im herzerl und hell is' im hirn
ist poesie ein zwiegestirn - na geh! - und licht und lichta wiad's da dem dichta und ja:
ja woll'n sie sag'n oder nein oder scheiß-drauf so ein mistkist das ist
und der vogel soll vögeln kalaueresk oder was, und das reh soll reh'n meinetwegen
hab' ich nichts dageg'n, bin ja open in mai maind cause ai'm so kaind
die sonne schaint, ich bin so froh mit mops und so - stoppedipo, mein poetenschnucki:
weil die lyruk, die lyruk ist schon ein echtes meistastucki
soll in verse aufgeh'n wie der germ (hob mir germ oder so) wie vom brioschkipferl ein zipferl
ein fizzerl zum beißen, ein fazzerl zum schmecken, ein fozzerl fürd nacht:
belesen und fain woll'n die kenner sain und g'schait - so g'schait
hamms viel zum darzähl'n de soichn lait und bissl was zum red'n die bled'n.
ahg - 31. Mär, 19:08
herr und frau schräg gestellt holten ihre köpfe ein
nachdrücklich, wie es hieß, und mit verve, schrieben die
blätter drüber der straße, wo weibs und manns es nicht so
genau nahmen mit den worten und den gesten und ein ruckedigu
fuhr durch sie hindurch, als herr und frau schräg gestellt einen kleinen,
eh nur einen kleinen anfall bekamen. so um die abendzeit, weil da das maß
voll war, sagte herr schräg gestellt und seine frau nickte von unten nach oben.
weibs und manns gafften hinüber, denn so schräg hatte schon lang niemand mehr
genickt: nick auf - nick ab, bald vibrierte das fenster, bald der rahmen, bald die straße
bald die ganze stadt. schräg gestellt nun auch: weibs und manns und mit verve holten sie ihre
köpfe ein. händ' und füß' ließen sie steh'n für herrn und frau schräg gestellt für später zum mahl.
ahg - 30. Mär, 18:26
wonach wir strauchelten ein erbsstrauch ein stachelhäuter der holunder
und du hast die hand aufgehalten und die finger gespreizt und die blätter
saßen fest zwischen dir und mir als wir über den bach hingen wie die haselnuss
gerten mit langen hälsen fielen wir über den bach her du die brücke ich der bach
oder andersherum das war doch egal denn herunterbrachen die äste im sturm
von den erlen und schlugen uns ein und einander strauchelten wir ins gesicht
der erbsstrauch zitterte im stand der stachelhäuter hockte im märchenbuch
wie eh und je nur die holunderblüten fielen herab und lächelten
übers kreuz das wir trugen wie bäume so schwer als wir strauchelten fiel mir dein kopf
in die arme als mein kreuz brach da waren wir zwei
ahg - 28. Mär, 11:22